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Warum ein auffälliges MRT nicht automatisch die Schmerzursache zeigt

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OA Mag. Dr. med. univ. Alexander Tuschel

Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie · Schwerpunkt Wirbelsäule

Veröffentlicht am 12. September 2026 · Quellen zuletzt geprüft am 12. September 2026

Das MRT kann Strukturen außergewöhnlich genau darstellen. Es kann aber nicht direkt zeigen, welche Veränderung tatsächlich Schmerzen erzeugt.

Kurz gesagt

Degenerative Veränderungen, Bandscheibenvorwölbungen und selbst Bandscheibenprotrusionen kommen auch bei Menschen ohne Rückenschmerzen häufig vor. Gleichzeitig sind einige Befunde bei Menschen mit Beschwerden statistisch häufiger.

Beides ist richtig: Ein MRT-Befund kann relevant sein – aber seine Bedeutung entsteht erst durch die Übereinstimmung mit Anamnese, Untersuchung, neurologischem Befund und Verlauf.

Warum das MRT so überzeugend wirkt

Ein MRT liefert detailreiche Bilder: dehydrierte Bandscheiben, Höhenminderungen, Vorwölbungen, Protrusionen, Extrusionen, Modic-Veränderungen, Facettengelenksarthrosen und Einengungen werden sichtbar und benannt.

Das erzeugt leicht den Eindruck einer direkten Kausalkette: sichtbarer Schaden = Ursache des Schmerzes. Medizinisch ist diese Gleichung jedoch zu einfach. Das MRT bildet Anatomie und Gewebeeigenschaften ab – nicht den Schmerz selbst.

Wie häufig sind Auffälligkeiten bei Menschen ohne Schmerzen?

Die klassische Untersuchung von Jensen und Mitarbeitern untersuchte 98 Menschen ohne Rückenschmerzen. Nur 36 Prozent hatten in allen untersuchten Etagen unauffällige Bandscheiben; 52 Prozent zeigten zumindest eine Vorwölbung und 27 Prozent zumindest eine Protrusion.1

Eine spätere systematische Übersichtsarbeit von Brinjikji und Mitarbeitern fasste 33 Studien mit 3.110 beschwerdefreien Personen zusammen. Die Häufigkeit vieler Veränderungen stieg deutlich mit dem Alter:2

  • Bandscheibendegeneration: etwa 37 Prozent bei 20-Jährigen und 96 Prozent bei 80-Jährigen,
  • Bandscheibenvorwölbung: etwa 30 Prozent bei 20-Jährigen und 84 Prozent bei 80-Jährigen,
  • Bandscheibenprotrusion: etwa 29 Prozent bei 20-Jährigen und 43 Prozent bei 80-Jährigen.

Solche Zahlen bedeuten nicht, dass die Befunde bedeutungslos sind. Sie zeigen aber, dass viele Veränderungen auch Teil normaler Alterungs- und Anpassungsprozesse sein können.

Heißt das, MRT-Befunde hätten gar nichts mit Schmerzen zu tun?

Nein. Auch diese Schlussfolgerung wäre falsch.

Eine zweite Meta-Analyse derselben Arbeitsgruppe verglich Menschen bis 50 Jahre mit und ohne Rückenschmerzen. Bandscheibendegeneration, Vorwölbung, Protrusion, Extrusion und Modic-Typ-I-Veränderungen waren in der symptomatischen Gruppe häufiger.3

Ein Befund kann daher die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Struktur relevant ist. Er beweist aber nicht, dass sie bei einem konkreten Menschen der dominierende Schmerzgenerator ist.

Statistische Assoziation: Kommt dieser Befund bei Menschen mit Schmerzen häufiger vor?

Klinische Diagnose: Erklärt dieser Befund die Beschwerden dieses Menschen?

Warum Bild und Beschwerden auseinanderpassen können

Mehrere Veränderungen bestehen gleichzeitig

In derselben Wirbelsäule können Bandscheibe, Endplatte, Facettengelenk, Nervenwurzel und Muskulatur betroffen sein. Ein radiologisch auffälliger Befund muss nicht die Struktur sein, die aktuell die Beschwerden dominiert.

Schmerz verändert sich, Anatomie oft langsamer

Beschwerden können innerhalb von Tagen deutlich schwanken, während ein degenerativer MRT-Befund weitgehend gleich bleibt. Umgekehrt kann eine morphologische Veränderung länger sichtbar bleiben, obwohl sich die klinische Situation bereits gebessert hat.

Die Lokalisation muss passen

Eine linksseitige Nervenwurzelkompression erklärt nicht überzeugend eine isolierte rechtsseitige radikuläre Symptomatik. Ein Befund auf Höhe L5/S1 muss nicht die Ursache eines Schmerzes am thorakolumbalen Übergang sein.

Schmerz ist kein reines Bildphänomen

Neben nozizeptiven Signalen beeinflussen Belastung, Muskelsteuerung, Schlaf, Stress, Entzündungsaktivität, Vorerfahrungen und das Nervensystem die wahrgenommene Schmerzintensität. Das macht den Schmerz nicht „psychisch“ – es erklärt, warum dieselbe anatomische Veränderung klinisch sehr unterschiedlich erscheinen kann.

Meine Einordnung: Das MRT ist Landkarte, nicht Urteil

Ich halte das MRT für ein außerordentlich wertvolles diagnostisches Instrument. Problematisch wird es erst, wenn eine auffällige Formulierung im Befund automatisch zur Diagnose und anschließend automatisch zur Therapie wird.

Ich prüfe deshalb vier Ebenen:

  1. Anamnese: Wo, wann und wodurch entstehen die Beschwerden?
  2. Klinischer Befund: Gibt es neurologische, mechanische oder segmentbezogene Hinweise?
  3. Bildgebung: Welche sichtbare Veränderung könnte dazu passen – und welche eher nicht?
  4. Verlauf: Entwickeln sich Bild, Symptome und Reaktion auf Belastung oder Behandlung schlüssig?

Erst die Übereinstimmung dieser Ebenen macht aus einer radiologischen Auffälligkeit eine belastbare Arbeitshypothese.

Wann ist ein MRT besonders wichtig?

Bildgebung wird besonders relevant, wenn klinische Warnzeichen, relevante neurologische Defizite, ein Trauma, der Verdacht auf entzündliche oder tumoröse Erkrankungen, ungewöhnliche Verläufe oder anhaltende Beschwerden mit therapeutischer Konsequenz vorliegen.

Auch vor gezielten interventionellen oder operativen Entscheidungen ist eine passende Bildgebung unverzichtbar. Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht „MRT ja oder nein“, sondern die richtige Untersuchung zur richtigen Zeit mit einer klaren klinischen Fragestellung.

Was bedeutet das für Patienten?

  • Ein auffälliger Befund ist nicht automatisch eine schlechte Prognose.
  • Begriffe wie Degeneration, Protrusion oder Osteochondrose bedeuten nicht automatisch, dass eine Operation notwendig ist.
  • Ein unauffälliges oder wenig spektakuläres MRT schließt relevante Beschwerden nicht aus.
  • Die Behandlung sollte sich nicht allein nach dem radiologisch auffälligsten Wort richten.

Mein Fazit

Die richtige Botschaft lautet weder „Das MRT zeigt die Ursache“ noch „MRT-Befunde sind bedeutungslos“.

Das MRT liefert wichtige Hinweise.
Die Diagnose entsteht aus dem Zusammenhang.

Genau deshalb beginnt eine gute Wirbelsäulendiagnostik nicht mit der Frage, was auf dem Bild am schlimmsten aussieht, sondern welche Befunde die Beschwerden tatsächlich erklären können.

Literatur und Quellen

  1. Jensen MC, Brant-Zawadzki MN, Obuchowski N, et al. Magnetic resonance imaging of the lumbar spine in people without back pain. N Engl J Med. 1994;331:69–73. DOI · PubMed
  2. Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, et al. Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR Am J Neuroradiol. 2015;36:811–816. DOI · PubMed
  3. Brinjikji W, Diehn FE, Jarvik JG, et al. MRI findings of disc degeneration are more prevalent in adults with low back pain than in asymptomatic controls: a systematic review and meta-analysis. AJNR Am J Neuroradiol. 2015;36:2394–2399. DOI · PubMed

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Untersuchung, Diagnose oder Behandlungsempfehlung.